Schon lange, wenn ich weit in mich hineinhöre, länger als alles andere, drängt es mich, ein schauriges Geheimnis aus meinem tiefsten Inneren preiszugeben: ich mag Raufasertapeten.
Raufasertapeten zu mögen ist etwas, was niemand gerne zugibt. Selbst mein Therapeut hat mir abgeraten, öffentlich über diesen Makel zu sprechen. „Die Leute haben“, meinte er, „Verständnis für die abstrusesten Besessenheiten.
Wenn Du davon träumst, Dich von einer Gruppe älterer Alpenüberquerer mit deren schweißnassen Wandersocken auspeitschen zu lassen, gibt es immer irgendeinen, der Verständnis dafür hat und Dir dafür ein zustimmendes Lächeln schenkt. Aber bei Raufasertapete ist Schluss.“
Wann bin ich so falsch abgebogen? Welche frühkindlichen Defizite sind verantwortlich für diese Geschmacksirrung? Während im Baumarkt Menschentrauben voller Bewunderung wohlig grunzend vor der Fototapete „Magdeburger Sonnenaufgang“ stehen, schleiche ich mich einsam und mit zitternden Händen zum weißen Horror in 3D.
Ein Apotheker namens Hugo Erfurt hat die Raufasertapete 1864 erfunden. Der Gedanke kam ihm, vermute ich, nachdem er eine ordentliche Portion verdorbenen Grießbrei schwungvoll an die kahle Küchenwand erbrochen hatte.
Es gibt Raufasertapete von Korngröße 10, sandfein, bis Korngröße 80. Wobei das Korn gar kein Korn ist. Die abpopelbaren Unebenheiten sind Fichtenspäne. Meistens aus Niedersachsen.
Wir Raufaserfreunde tauschen uns in Fachforen nächtelang über die feinen Unterschiede aus. Das Modell Rustica besticht durch sehr kompakte Späne. Ganz anders hingegen das Modell Classico mit seinem kantig und unterschiedlich grob gehäckseltem Holz, mal feine Nadeln, mal halbe Äste. Ich selbst bin ein Riesenfan vom Modell Avantgarde mit seinen kubisch-quadratischen Erhöhungen.
Schon Oscar Wilde hat die Raufasertapete in seinem Pariser Hotelzimmer zutiefst verachtet. „Wir kämpfen ein Todesduell. Entweder sie muss gehen oder ich“, soll er gesagt haben. Er starb noch in der gleichen Nacht.
Risottokörnung. Wattwurmlook. Eisengitter. Korbgeflecht. Das sind Begriffe, die meinem Leben Struktur geben. Draußen komm ich schon lange nicht mehr klar. Ist Russisch Brot noch leckeres Gebäck oder schon längst Teil einer teuflischen Desinformationskampagne?
Ich habe gestern Abend, um mich zu beruhigen, aus russisch Brot-Buchstaben das Wort Flow auf meine Yogamatte gelegt. Nachdem ich die vier Buchstaben 20 Minuten lang ganz langsam atmend sehr achtsam angesehen hatte und gerade in den Flow kommen wollte, hat mir die Seele einer Urahnin von Yvonne Catterfeld gesagt, das Flow rückwärts gelesen Wolf heißt. Die Welt ist durcheinander. Raufasertapete schafft Ordnung.
Bernd das sprechende Kastenbrot hat beim Kindersender Kika mal eine ganze Sendung über Raufasertapete gemacht. Raufasertapete ist ein bisschen langweilig und größtenteils ereignislos. Raufasertapete ist schon da, wenn wir kommen. In der neuen Wohnung. In früheren Mietverträgen stand oft „zu übergeben in Raufaser, weiß gestrichen“.
Raufasertapete ist wandgewordenes Magnum-Eis. Weiße Schokolade und Mandelsplitter. Zu Hause streiche ich manchmal andächtig über die Raufaser und frage mich, in welchem Wald die Fichte wohl gestanden hat.
Mein Therapeut hat große Fortschritte festgestellt, seitdem ich jeden Abend vor dem Schlafengehen versuche, einen Quadratmeter Raufasertapetenmuster auswendig zu lernen. Raufaser ist wie Graubrot in einer Quiona-Leinsamen-Hipster-Selbstbackwerkstatt.
Nächstes Mal mache ich was über Graubrot.
// Axel Krüger